Faschismus in unserer Mitte

Kinderschänder.

Immer, wenn ich höre, wie jemand den Begriff „Kinderschänder“ benutzt, weiß ich, hier ist jemand, der dabei ist, den Kampf gegen Faschismus zu verlieren. Immer, wenn Menschen, die sexuelle Gewalt gegen Kinder ausüben, als „Monster“ bezeichnet werden, weiß ich, ich habe es mit einem faschistischen Kampfbegriff zu tun.
Immer, wenn ein kreischender Zeigefinger sich auf irgendeinen angeblichen Feind richtet, geht mein Blick nur auf die Brust desjenigen, der da denunziert, die einzige Person, auf die der Finger tatsächlich zeigen sollte.

Man muss viel und lange über diesen Begriff des „Kinderschänders“ nachdenken, damit man den Faschismus in unserer Mitte ansatzweise verstehen kann.
Der Reihe nach.

Der Begriff „Kinderschänder“ ist vor allem erst einmal verniedlichend und euphemistisch. Schande betrifft die Ehre eines Menschen, die unseren Rechtsbegriffen nach vor allem durch herabwürdigende Äußerungen beeinträchtigt werden kann. Ehre wiederum ist im übersteigerten Sinne das Ansehen im Kreise der Mitmenschen. Wer also die Ehre eines Menschen beeinträchtigt, trifft immer das Kollektiv desjenigen, der da angegriffen wurde, mit. Das ist ein wichtiger Grundgedanke und zugleich eine der vielen Hinterhältigkeiten des Begriffs „Kinderschänder“. Das eigentliche Opfer spielt plötzlich keine Rolle mehr, das Ansehen der Gruppe rückt ins Blickfeld, denn sie ist mit einem gesellschaftlichen Tabu in Berührung gekommen.
Ein „Kinderschänder“ aber soll jemand sein, der etwas ungleich zerstörerisches mit einem Menschen macht, als dessen Ehre (und die seines Kollektivs) zu beeinträchtigen: gemeint ist jemand, der ein Kind vergewaltigt, oder eben jedwede Form sexueller Gewalt gegen ein Kind ausübt. Wenn man es so ausspricht, wird vielleicht klarer, dass „Kinderschänder“ ein Tarnbegriff ist. Es ist ein Wort, das Menschen benutzen, die aus einem ganz bestimmten Grund Angst haben, die Wahrheit auszusprechen. Hierzu gleich mehr, aber zuvor muss auch ein anderer Aspekt des Wortes „Kinderschänder“ ins Licht gerückt werden:
Der Begriff der „Schande“ ist LTI in Reinform. Wer Viktor Klemperers Werk „LTI – die Sprache des dritten Reiches“ nicht kennt, sollte schleunigst die paar Euro investieren, damit seine Sprache nicht unrein werde. Wem die Parallele zum Faschismus nicht auf Anhieb einleuchtet (und das obwohl Neonazis längst versuchen, mit diesem Kampfbegriff neue Mitglieder für sich anzuwerben), dem sei der Begriff der „Rassenschande“ ins Gedächtnis gerufen. „Rassenschande“ entehrte das „arische“ Kollektiv. Der Straftatbestand der „Rassenschande“ traf sowohl die „Arier“ als auch die „Nichtarier“, die resultierende Verachtung und Gewalt wurde gegen beide ausgeübt. Dieser Zusammenhang ist erschreckender weise auch bezeichnend für die Art, wie im Allgemeinen auch mit Menschen umgegangen wird, die Opfer sexueller Gewalt wurden, ob sie nun Kinder waren oder bereits erwachsen. Oft, viel zu oft, fühlen die Opfer, dass man ihnen eine zumindest Teilschuld an den Ereignissen unterschiebt.

Wer also mit den Begriffen „Ehre“ und „Schande“ hantiert, lenkt vom eigentlichen Problem ab. Das eigentliche Problem sieht nämlich nicht so aus, dass ein rechtschaffenes ehrenhaftes Kollektiv von Eltern ihre Kinder von einem sicheren Bereich in den anderen eskortiert, immer in der Angst vor den „Kinderschändern“, die draußen im Busch hocken, dem unbewachten Kind auf der Lauer.
Die Wahrheit ist, dass sexuelle Gewalt zum überwiegenden Teil innerhalb der Familien und engsten Kreise der Angehörigen und Freunden der Familie ausgeübt wird. Es ist eines der verborgensten Tabus, wenn nicht vielleicht sogar das konstituierende Tabu unserer Gesellschaft, dass Kinder fast immer denjenigen ausgeliefert sind, die sie eigentlich hatten beschützen sollen. Tabus aber werden vom Schweigen am Leben erhalten.

Und immer, wenn das Schweigen ansatzweise gebrochen werden muss, weil über eine konkret vorliegende Tat gesprochen werden muss, wird es hysterisch getan. Es muss so sein, damit nicht die Wahrheit ans Licht kommt: Sexuelle Gewalt ist allgegenwärtig.

Denn wo beginnt sexuelle Gewalt? Sie ist im vorigen Absatz versteckt! Ich habe ihn nicht umsonst einzeln stehen lassen. Sie steckt zum Beispiel im Wort hysterisch, welches dem Wortursprung nach vom altgriechischen „hystera“, also Gebärmutter kommt, und also ein frauenfeindliches Wort ist, weil es den Eindruck vermittelt, es handele sich um spezifisches weibliches Verhalten. Treffender ist der Begriff der Dissoziation, der schlicht ausgedrückt meint, dass eine Person Teile von sich selbst verleugnet und abspaltet und entsprechend heftig reagiert, wenn sie mit der Wahrheit konfrontiert wird.
Sexuelle Gewalt kann schon auf dem Wickeltisch beginnen, denn Kinder zeigen früh, dass sie zum Beispiel einen warmen Waschlappen auf den Genitalien als angenehme Empfindung wahrnehmen. Was nun? Wie reagiere ich jetzt? Wasche ich weiter und hantiere plötzlich mit einem Körperteil, der ja hochprivat ist? Hat mein Kind diese Privatsphäre schon, oder soll ich so tun, als wäre ich darüber erhaben? Übergehe ich die Äußerung, als hätte ich nichts gehört? Vermittle ich meinem Kind, dass dies ein körperlicher Bereich ist, über den ich nicht sprechen möchte? Eröffne ich das große Schweigen?
Was bringe ich meinem Kind über Geschlechtlichkeit bei? Vermittle ich meinem Kind den Eindruck, als gebe es nur zwei Geschlechter? Mache ich meinem Kind klar, wie ein Junge sich verhält, wie ein Mädchen?

Ich frage, und die Antworten sind erschreckend. Sexuelle Gewalt ist strukturell angelegt. Die traurige Wahrheit ist, dass man struktureller Gewalt nicht entkommen kann. Wir haben Glaubenssätze in uns, die wir vielleicht rational ablehnen können – sie stecken aber tief in uns drin. Ich beobachtete einmal meinen zweijährigen Sohn, wie er ein Mädchen umarmen wollte, mit dem er in den Tagen zuvor viel körperliche Nähe hatte. Aus irgendeinem Grund war es ihr aber grad zuviel und sie entzog sich ihm weinend und flüchtete in die Arme ihrer Mutter. Ich nahm ihn auf den Arm und wollte ihn eigentlich in dieser unerwarteten Ablehnung trösten. Und was sage ich?
„Ach mein Kleiner, sie weint. Sie ist ein Mädchen.“
Namenloses Entsetzen keinen Bruchteil einer Sekunde danach. Nicht nur, dass ich mit einem einzigen Satz hunderten anderer Tage entgegenarbeitete, wo ich mir redlich Mühe gegeben hatte, Respekt und Liebe für Mitmenschen vorzuleben. Nein, ich tat auch einen Blick in meine tiefsten Abgründe, dort, wo mir selbst vor so langer Zeit von meinen damaligen Autoritäten Glaubenssätze mitgegeben wurden, die mein Leben noch immer bestimmen. Jungs weinen nicht, Mädchen schon. Ich weine bis heute nur im Ausnahmefall. Ich gebe die Gewalt weiter, wie sie schon seit hunderten von Generationen an mich weitergereicht wurde. Diesem einen Satz entgegenzuwirken und den Schaden, den ich bei meinem Kind angerichtet habe, so gering wie möglich zu halten, wird Jahre dauern.

Und darum widern mich diejenigen an, die „Kinderschänder“ schreien, diejenigen, die „Rechtsextreme“ sagen und also „Randerscheinung“ meinen. Und auch die selbst erklärten Antifaschisten, die Skinheads und Nazis zu ihren Feinden erklärt haben, die es zu bekämpfen gilt.
Großer Gedankensprung? Gar nicht!

Faschismus ist im Kern nur eines: Gewalt. Man kann bei seiner Betrachtung die Fackelzüge und Embleme weglassen und sich auf diese Essenz konzentrieren. Faschismus ist die Religion der Gewalt. Und diese Gewalt richtet sich immer nur gegen eine einzige Sache: die Freiheit eines jeden Menschen, der oder die zu sein, die er oder sie ist. Es gibt für niemanden Schutz vor faschistischer Gewalt, das kann man immer noch gut am berühmten Zitat Martin Niemöllers nachvollziehen. Auch selbst Faschist zu sein schützt nicht davor, zum Ziel dieser Gewalt zu werden. Dafür muss man nicht erst die Prügelrituale in der Hitlerjugend als Beispiel heranziehen. Faschistische Gewalt verkrüppelt alle, die mit ihr in Berührung kommen, auch jene, die sie ausüben.

Im Grunde ist Faschismus die Spitze eines klirrend kalten Eisberges, der unsere ganze Gesellschaft durchdringt und umschließt. Wir alle sind Träger und Wahrer struktureller Gewalt. Niemand soll mit dem Finger auf einen anderen Menschen zeigen und ihn als Schuldigen identifizieren. Der wahre Kampf gegen Faschismus findet nicht da draußen statt. Er hat keine Zuschauer. Der wahre Kampf gegen Faschismus bekommt keinen Applaus.
Denn Faschismus beginnt in unserer eigenen tiefsten Mitte. Darum kommt er auch immer aus der Mitte der Gesellschaft. Gewalt gegen die Freiheit eines jeden Menschen muss stets zuerst im eigenen Inneren beendet werden.
Wer diesen Befreiungskampf eins gegen eins siegreich führt, wird niemals das Ablenkungsmanöver akzeptieren, dass von „Monstern“ oder „Kinderschändern“ die Rede ist. Er oder sie wird keine Handbreit des zerbrechlichen Gebildes „Rechtsstaat“ opfern, auch wenn eine dissoziative Menge mit einem Mal der Folter das Wort redet. Ein solcher Mensch wird niemandem trauen, der meint, die Feinde ausfindig gemacht zu haben.

Antifaschisten müssen sich in die dunkelsten Abgründe der eigenen Seele begeben und gewaltfrei an den bis zu den Zähnen bewaffneten Glaubenssätzen der eigenen frühesten Kindheit vorbeischreiten. Dort, hinter dem Ring aus den Schatten unserer Ahnen, wartet ein wilder und bedingungslos freier Teil von uns auf Heilung. Man muss diesen Schatten ins Gesicht schauen und sie benennen, damit sie sich auflösen. In aller Stille.

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Dieser Eintrag wurde von mkayi veröffentlicht.

9 Kommentare zu “Faschismus in unserer Mitte

  1. Die Bedeutung eines Wortes zu verstehen und zu verinnerlichen heißt, mit
    dem eigenen Werkzeug des Denkens fest zu halten, zu begreifen. Somit
    entsteht in einem der Begriff. Und da finde ich, dass gerade in der
    deutschen Sprache Worte im Gebrauch sind, die einem eine verblüffende
    Klarheit über die gedankliche oder gefühlsmäßige Entstehung dieses
    Wortes vermittelt wird, und somit zu dessen Verständnis beiträgt.

    Denken und Fühlen, aber auch die Lebenserfahrung eines Menschen sind
    wirksame Hilfsmittel beim ‚Greifen‘ eines Begriffes. Und gerade beim Faschismus oder
    bei den faschistoiden Tendenzen ist eine eindeutige (und kurz gefasste
    !) Definition fast unmöglich. Darüber hinaus fand ich bei einigen
    Fachleuten verschiedene Definitionen, die nur teilweise Gemeinsamkeiten
    aufweisen. So zweifelt niemand daran, dass Mussolinis Italien oder der
    dritte Reich in Deutschland typische Merkmale eines faschistischen
    Systems darstellen. Dazu gehörten ein Führungsprinzip mit dem
    Totalitätsanspruch in einer hierarchisch ausgebildeten Gesellschaft,
    meist mit der Zuhilfenahme des Militärs. Dazu gehörten aber auch das
    Verabscheuen von Individualismus, jedoch die Verherrlichung von Kraft
    und Gewalt, Jugend und Männlichkeit, sowie der Hang zu mythischer
    Einheit mit Riten und Symbolen als Ersatzreligion. Demzufolge eine
    Begeisterung für Rassentheorien, rassische Überlegenheit bis hin zum –
    aus Überzeugung – durchgefürten Genozid bzw. Völkermord.

    Und so, in abgeschwächter Form oder tendenziös ähnlich, wird dieser
    Begriff auch heute für gesellschaftliche Phänomene, bezogen auf kleinere
    Gruppen oder gar einzelne Personen, angewendet. Manche tun das sicher
    mahnend, zur Erinnerung an frühere Zeit, aus der Angst heraus, es könne
    sich nochmals sowas wiederholen. Andere sind mit dem Begriff womglich
    nicht ganz vertraut, oder wollen sich damit exponieren bzw. ihre Leser
    oder Zuhörer imponieren. „Der wahre Kampf gegen Faschismus findet nicht
    da draußen statt. Er hat keine Zuschauer …“. Diese aus dem Bericht
    zitierte Aussage ist in meinen Augen ein Schlag ins Gesicht all
    derjenigen, die in aller Offenheit und Vehemenz gegen faschistische
    Erscheinungen in unserer demokratischen Gesellschaft opponieren ( bei
    Gelegenheit Antifa googlen !).

    Allein die völlig irreführenden Wortanalysen am ersten Teil des Berichtes, die einen axiomähnlichen
    Charakter für sich beanspruchen, und die Thesen, die sich aus falschen
    Vorstellungen herauas aufbauen, erwecken bei mir die Frage nach der
    Botschaft dieses Artikels. Die Sprache dient ganz allgemein als Mittel
    zur Verständigung unter Menschen. So gesehen muss jeder halbwegs
    politisch orientierter Bürger dieses Landes, anhand der in den letzten
    Monaten veröffentlichten Skandale einiger katholisch-pädagogischen
    Einrichtungen wissen, was man sich unter „Kinderschänder“ zu verstehen hat.

    Daniel Maoz

    • Toller Artikel. Ich würde gern Auszüge daraus für eine Mailkampagne gegen die Verwendung des Wortes „Kinderschänder“ in den öffentlich rechtlichen Medien verwenden. Bitte nehmen Sie Kontakt unter der angegebenen E-Mail Adresse auf. Danke.

  2. Wo ein Finger auf andere zeigt, zeigen 3 Finger auf die zeigende Person zurueck… Danke fuer dieses Artikel… Ich bin beeindruckt, du hast Worte und Dinge gesagt die ich in mir trage und nicht auszudruecken wusste.

  3. Pingback: Kirchenschänder statt Kinderschänder | Hessenhenker

  4. Stimmt! Ein Kinderschänder wäre ja ein schändendes Kind.
    Ich hatte mit 13 mal die Ehre auf der Straße angefallen zu werden,
    und da ich lebend davongekommen bin war es wenigstens kein Ehrenmord, LOL.
    Da der Kerl es mit dem Beten hatte, würde ich sagen es war eher ein Kirchenschänder als ein Kinderschänder.
    Und tatsächlich kann ich nicht mal die Käßmann sehen ohne an den zu denken.
    Gut erkannt, daß mit falsch angewandten Worten alles ins Gegenteil verkehrt wird. Machen aber nicht nur trittbrettfahrende Faschisten so, sondern auch die Medien.

  5. Ehre ist ein Kampfbegriff aus dem Faschismus und Nationalchauvinismus und in so fern als abstrakter Glaubensbegriff oder ideologischer bzw. religiöser Begriff abzulehnen. Eine verbale vermrampfung, die von persönlicher Verantwortung ablenken soll. In so fern ist das Fundament, auf dem diese folgenden Überlegungen stehen, sehr einsturzgefährdet und daher zu umgehen.

  6. Oha! Man, man, man, Murat, da legst du ja was vor und nun bin ich am Zug und will und soll mit einer Begriffsstudie und einem Begriffsvergleich von Attentat, Amoklauf und Terrorismus folgen. Ich les jetzt erstmal in Ruhe ein zweites Mal deinen Text. Wenn Dein Text ein Keks wäre, dann einer von diesen Doppelbödigen, wenn du weißt, welche ich meine?

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